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Aufhebung des Verbots - Prostitution erstrahlt in neuem Licht

 

Von SexarbeiterInenn sowie deren Interessensverbänden lange erbeten und erhofft, haben die Landesregierungen der nördlichen Bundesländer umfassende Lockerungen des coronabedingten Prostitutionsverbots beschlossen. 

 

Viele hatten wohl schon gar nicht mehr daran geglaubt, aber jetzt ist es tatsächlich so weit: in fünf norddeutschen Bundesländern ist Prostitution wieder erlaubt, ab dem 15. September. Die Landesregierungen von Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg haben angekündigt sich gemeinsam abzustimmen, um für einheitliche und klare Verhältnisse zu sorgen. Die Sozialsenatorin von Hamburg, Melanie Leonhard von der SPD, trat am Dienstag den 8. September vor die Presse und verkündete die lang erwartete Botschaft. Sie betonte dabei, dass sich die Bundesländer auch eng mit Nordrhein-Westfalen und den südlichen bzw. östlichen Bundesländern abstimmen werde, um keine Irritationen an den Landesgrenzen entstehen zu lassen. Bayern und die neuen Bundesländer haben ebenfalls angekündigt, das Sexkaufverbot gegen Ende September aufzuheben. Der Entscheidung waren Urteile mehrerer Oberverwaltungsgerichte vorangegangen, welche die Verhältnismäßigkeit des coronabedingten Prostitutionsverbots anzweifelten.

 

Rotlicht-Szene seit sechs Monaten ohne Umsätze

 

Für viele Prostituierte und andere Angestellte in den Rotlichtbetrieben, war die Aufhebung des Verbots sicherlich längst überfällig. Denn während andere körpernahe Tätigkeiten wie Kampfsport, Paartanz oder Massagen mittlerweile wieder erlaubt sind, bewegte sich im Bereich Sexarbeit trotz großer Proteste der Betroffenen quasi gar nichts. Dabei haben bereits im Juli hunderte SexarbeiterInnen in Hamburg, Köln und Stuttgart für ihre Rechte demonstriert, sich dagegen gewehrt, von der Politik wie Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. Mitte September werden es sechs Monate gewesen sein, die zehntausende, vielleicht sogar hunderttausende Betroffene ohne Einkommen da sitzen und die oftmals außer einer kleinen staatlichen Hilfe keinen Verdienst mehr generieren können. Dabei haben sowohl der Unternehmerverband Erotikgewerbe UEGD als auch der Berufsverband Sexarbeit BeSD ein ausgeklügeltes Hygienekonzept entwickelt, das eine risikoarme Wiederaufnahme von sexuellen Dienstleistungen ermöglichen kann. Allem Anschein nach ist es alles andere als einfach für die AnbieterInnen der käuflichen Liebe, von der Politik gehört und respektiert zu werden. Doch die Zeit drängt, Institutionen wie das Pascha in Köln, das als Europas größtes Bordell gilt, sind bereits pleite.

 

Viele Gründe sprechen für Wiedereröffnung

 

Seit Monaten argumentieren Prostituierte und Organisationen die sie unterstützen mit den Gefahren, die ein Prostitutionsverbot bereits mittelfristig mit sich bringt. Denn dass die Nachfrage nach Sex mit einem Verbot einfach verschwindet glaubt niemand und die Vergangenheit hat gezeigt, wie Prostitution auch im Untergrund ‘erfolgreich’ betrieben wird. Nur eben illegal und ohne jede Kontrolle von Vorschriften und Gesetzen. Nicht umsonst gibt es in Deutschland seit 2001 ein Prostitutionsgesetz, das Sexarbeit legalisert und auch ein Stück weit gesellschaftlich normalisiert hat. Trotzdem gelten viele Huren als prekär beschäftigt und sind von einem Verdienstausfall sofort stark betroffen, da sie oftmals über kaum Rücklagen verfügen. Damit viele Prostituierte in der Corona-Krise nicht obdachlos werden, hat der Gesetzgeber ihnen ausnahmsweise erlaubt, in den Zimmern der Bordelle und Laufhäuser zu übernachten - in normalen Zeiten ist dies untersagt. Damit die Liebesdamen, meist sind es nunmal Frauen, nicht in missbräuchliche Abhängigkeitsverhältnisse wie die Zuhälterei geraten, ist es unabdingbar, dass sie wieder als selbstständige Unternehmerinnen arbeiten und verdienen dürfen. Das Gröbste scheint nach den neuesten Ankündigungen glücklicherweise überwunden zu sein, Hilfsvereine begrüßen die Entwicklung ausdrücklich.

 

Sicherheit durch umfangreiches Hygienekonzept

 

Damit sowohl für die SexarbeiterInnen als auch für deren Kunden das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich ist, haben die Verbände in enger Zusammenarbeit mit den Prostitutionsstätten ein detailliertes Hygienekonzept erarbeitet. Ab sofort wird die Kundenerfahrung etwas anders gestaltet sein, als es bisher der Fall war. Allerdings ist es seit jeher eine Eigenschaft der Prostitution, dass sie sowohl von Nähe, als auch von Distanz geprägt ist. Auch wenn es in der ersten Sekunde paradox klingen mag, aber kaum eine Hure lässt einen Freier ihr zu nahe kommen. Und das Thema Hygiene, wie auch die Verbände betonen, wird in seriösen Rotlichtbetrieben ebenfalls groß geschrieben, bereits weit vor der Corona-Epidemie. In Zukunft muss sich ein Freier vor Betreten eines Etablissements die Hände desinfizieren und bekommt einen frischen Mund-Nasen-Schutz überreicht, den er anlegen muss und während des Besuchs nie absetzen darf. Küssen ist erstmal nicht mehr möglich. Danach müssen sich Prostituierte und Freier den Intimbereich waschen, bevor es losgehen kann. Während des Akts sind nur Positionen erlaubt, bei denen die Prostituierte dem Freier das Gesicht abgewendet hat. Nur beim Oralsex darf einer der beiden die Maske absetzen. Ist alles vorüber, muss der Raum gut gelüftet und die Bettwäsche auf mindestens 60 Grad gewaschen werden. Sexuelle Praktiken, bei denen mehr als zwei Personen beteiligt, sind bleiben vorerst verboten - d.h. keine Triolen, Vierer und Gangbangs mehr.

 

Verständnis und Kritik für die Maßnahmen

 

Viele SexarbeiterInnen erwarten keine Probleme bei der Umsetzung der neuen Vorgaben, denn die gesamte Bevölkerung habe sich inzwischen an Hygienekonzepte und Kontaktlisten gewöhnt. Sicherlich könnten sich die ersten Besuche ein wenig neu anfühlen aber so ist sie eben, die neue Normalität. Es gibt aber auch Stimmen, welche die aktuelle Entwicklung aus einer anderen Perspektive betrachten. Denn Insiderinnen der Branche berichten davon, dass viele Prostituierte bereits in den letzten Monaten illegal weitergearbeitet haben. Dabei wurden die Hotels in manchen Rotlichtbezirken umfunktioniert, von den Prostituierten und Hotelbetreibern quasi zu Laufhäusern gemacht. Angeblich sparen die Frauen dabei große Beträge bei der Tagesmiete für ein Zimmer und die Freier verhandeln weniger. So sollen Prostituierte in Frankfurt 400-600€ am Tag verdienen und an Wochenenden sogar bis zu 1000€. Bordelle haben dadurch für die SexarbeiterInnen an Attraktivität eingebüßt, das heißt Prostitution verlagert sich zunehmend in vom Staat unkontrollierte Bereiche, wo die Einhaltung von Hygienemaßnahmen nicht überwacht wird. Hotelbetreiber kompensieren so den Wegfall des Messegeschäfts, jedoch gelten die Hygieneverordungen der Prostitution nicht für Hotels. Aber so ist das nunmal seit vielen Jahrhunderten, wer die Prostitution eindämmen möchte oder zu hoch besteuert, der verliert sie an den Untergrund, wo keinerlei Kontrolle möglich ist. Außerdem werden auch die verpflichtenden Kontaktlisten oft als realitätsfremd angesehen. Denn so mancher Mann nutzt die Angebote des Rotlichts für einen heimlichen Seitensprung. Und wir leben immer noch in einer Gesellschaft die, trotz Legalisierung und Prostitutionsgesetz, die Sexarbeit ein ganzes Stück weit verachtet und diskrimiert. Vielleicht haben ja die Proteste und mediale Aufmerksamkeit der letzten Monate ein Stück weit dazu beigetragen, dieses Problem ein wenig zu lösen.

 

Sex bleibt ein menschliches Grundbedürfnis

 

Bei all den Diskussionen darüber, wie wir am besten die Ausbreitung des Coronavirus in den Griff bekommen, sollten wir stets bedenken, dass die Sexualität einer unserer stärksten Triebe ist, der bei Unterdrückung seine Wege findet. Eine Pressesprecherin der norddeutschen Escort-Plattform Erobella.com kommentierte die Verkündung der staatlichen Lockerungen mit Euphorie und Erleichterung zugleich: “Jeder will unvergessliche Tage, aber wir wollen auch unvergessliche Nächte erleben! Der Lockdown war ein wilder Ritt für uns aber jetzt reiten wir weiter”, erzählte sie lachend am Telefon dem Autor dieses Artikels. Wie auch in fast allen anderen Lebensbereichen verklingt die Härte der Anti-Corona-Maßnahmen auch in der Prostitution ein wenig. Trotzdem sollten wir weiterhin unsere Masken tragen, unsere Hände gründlich waschen und vorsichtig sein. Sicherheit zuerst, damit wir verantwortungsvoll unsere neue Zukunft prächtig gestalten können, die jetzt so lockend vor uns liegt.

 

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